Aussteiger
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht einmal 10% eines Tages wirklich für mich lebe. Ständig für andere da sein, Ansehen und Freundschaften pflegen, arbeiten, helfen...
Viel Raum für eigene Ideen und Hobbys bleibt da kaum.
Aber auch die wenigen Hobbys, die man hat, kann man nicht richtig genießen, da man entweder eine Zeitbeschränkung auferlegt bekommt ("...Liebling, komm aber bitte nicht so spät nach Hause, um 19 Uhr steht das Essen auf dem Tisch"), oder man bekommt einen Schwung Gewissen - aber von dem ganz Schlechten - mit auf den Weg ("...immer gehst Du weg und lässt mich alleine. - Du magst Dein Hobby viel lieber als mich. - Jaja, wenn Dein Hobby ruft, springst Du gleich, aber wehe ich will nur EINMAL, dass Du etwas für mich machst!").
An Entspannung nach einem langen harten Arbeitstag kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Die Türe ist kaum hinter einem ins Schloss gefallen, klingen die Worte: "..kannst Du noch eben kurz dem Müll runter bringen?", oder ähnliche Liebesbezeugungen an mein Ohr.
Danach kommt entweder Besuch von Freunden oder Verwandten, oder man besucht diese, oder es ruft jemand an, oder der Nachbar klingelt, weil was auch immer passiert ist, dass wir sofort erfahren-, oder helfen-, oder ihm auch einfach nur zuhören müssen.
Hat man einen Hund, dann muss der natürlich raus, bei Katzen melden die Geruchsrezeptoren bereits das überfüllte Katzenklo, von Fischen, Vögel, Hasen und sonstiger unnützen Tierhaltung ganz zu schweigen.
Auch der Haushalt, Einkauf und andere dringend notwendige Aktionen machen vor Deinen Bedürfnissen nicht halt.
Kommt dann endlich die Zeit, wo man vor dem Fernseher die Füße hochlegen kann, kommt auch die Partnerin, die sich an einen kuschelt und mit ihrer liebevollen Stimme IHREN Tag und die darin enthaltenen Probleme und Erlebnisse noch einmal mit Dir zusammen reflektieren muss.
Vergessen wir an dieser Stelle nicht die ganzen Termine, die einem auferlegt werden.
"Meine Mutter hat angerufen. Dort ist morgen Sperrmüll, da müssen wir heute Abend helfen, die ganzen Sachen aus dem Keller raus auf die Straße zustellen."
Oder auch: "Fred und Karin haben uns zum Wochenende eingeladen. Wir wollen gemeinsam das Kinderzimmer tapezieren."
Auch immer wieder gerne genommen: "Lisa hat gefragt, ob wir ihr und Jo beim Umzug helfen. Ich habe noch nicht zugesagt. Wir treffen uns dann am Samstag morgen in der alten Wohnung. Ich fahre Freitag schon hin und helfe beim Kisten packen. Du holst mich doch dann ab, ja, Schatz?"
Da lassen wir es immer wieder zu, dass andere die eigene Zeit verplanen.
Sätze, die mit "Könntest Du noch kurz..." beginnen, kennen wir alle zu genüge und enden nicht selten mit einem erheblichen Zeitaufwand, ummantelt in Lustlosigkeit mit einer Prise Frust.
Wenn man sich dann an einer Stelle wiederfindet, an der man so auf keinen Fall weitermachen will, wird man zum Aussteiger.
Der klassische Aussteiger bricht von gleich auf jetzt alle Brücken und Beziehungen hinter sich ab, sagt er ginge nur kurz Zigaretten holen und verschwindet meist ins Ausland.
Aber muss das denn sein? Gleich Auswandern? Fremdes Land, neue Sprache, fremde Menschen, unbekannte Gesellschaft, andere politische Situation, ungewisser Alltag, usw.?
Quasi einfach den Level neu starten und versuchen alles anders, bzw. für sich richtig zu machen?
Ist man ehrlich, wird einem schnell klar, dass es einige Jahre dauern kann, bis man es dann geschafft hat. Aber eine Garantie dafür hat man nicht. Auch im Ausland kann sich sehr schnell ein Leben entwickeln, vor dem man gerade erst abgehauen ist - nur eben in einer anderen Sprache.
Es gibt aber einen Weg, der vielleicht nicht so lange dauert, aber jeden Spielstand nach Bedarf neu laden und wiederholen lässt.
Sage einfach an den Stellen, die Dir nicht passen: NEIN!
"Kommst Du heute Abend mit ins Kino?" - "NEIN!" - "Wie? Nein? Was.. Wieso denn nicht?" - "Ich habe keine Lust. Es gibt keine besondere Begründung. Ich habe einfach nur keine Lust!" - "Ja... aber.. [Ausgedehnter Versuch Dich doch noch zu überzeugen]" - "Klingt gut, trotzdem habe ich keine Lust. NEIN!"
"Ich habe Dich mindestens zwanzig Mal auf dem Handy angerufen. Erst hast Du mich weggedrückt, dann war nur noch die Mailbox dran. Was war denn los?" - "Nix, ich hatte nur keine Lust zu telefonieren." - "Was habe ich Dir denn getan? Bist Du sauer auf mich?" - "Nö, alles ok, ich hatte einfach nur keine Lust, sonst nix!"
"Meine Mutter hat angerufen. Dort ist morgen Sperrmüll, da müssen wir heute Abend helfen, die ganzen Sachen aus dem Keller raus auf die Straße zustellen." - "NEIN!" - "WIE BITTE????" - "Nein, ich habe keine Lust dazu." - "Hey, ich breche auch nicht gerade in Jubel aus...bla...bla.." - "Glaube ich Dir, trotzdem NEIN!" - Jetzt pass mal auf mein Lieber, MEINE Mutter hat uns immer geholfen wenn etwas war... [langer Vortrag] - "Stimmt, dafür war ich ihr auch immer dankbar, habe auch oft geholfen, wenn etwas war, aber jetzt habe ich keine Lust. NEIN!" - "Ach?! Und WAS bitte glaubst Du soll ich meiner Mutter jetzt sagen?" - "NEIN?"
VORSICHT: danach könnte die Stimmung etwas kippen, aber schon beim zweiten Mal wird es sehr viel schneller und erträglicher gehen und Du musst danach vielleicht nicht auf der Couch schlafen.
Schon nach 24 Stunden wird sich Dein Umfeld Gedanken um Dich machen. Man macht sich keine Sorgen, sondern will nur ergründen, warum Du nicht mehr "funktionierst". Man wird Dir vorwerfen, dass Du Dich verändert hast, dass man Dich gar nicht mehr wiedererkennt, dass man sich Sorgen macht (was natürlich meist geheuchelt ist), wird nach einer Krankheit suchen und sie Dir andichten, weil es ja nicht anders sein kann, wird Dich mit guten Ratschlägen und offenen Ohren nur so überschütten, wird Dir professionelle Hilfe empfehlen, versuchen Dir ein schlechtes Gewissen zu machen und Dir Egoismus vorwerfen.
Da Du weißt, dass bis auf den letzten Punkt nichts zutrifft, kannst Du dem gelassen entgegen sehen.
Versuche Dich nicht zu erklären, denn erstens kann und muss man "Keine Lust" nicht weiter erklären und zweitens bist Du Dir nur selbst darüber Rechenschaft schuldig und sonst niemandem!
Ist doch schon sehr merkwürdig, dass ein JA nicht so viel Aufmerksamkeit erregt. Das wird einfach nur als Selbstverständlich angenommen und auch ganz schnell wieder vergessen. Vor allem dann, wenn man selber einmal um Hilfe bittet.
Es gibt jedoch auch Menschen, die Dein "Nein" ohne weitere Konsequenzen und Nachfragen akzeptieren. Diese Freunde sind sehr wertvoll. Ist einer davon Dein/e Partner/in, dann ist das ein echter Glücksfall.
Bereits nach einer Woche bist Du schon ein Aussteiger. Dein Umfeld fokussiert sich nicht mehr so sehr auf Dich und lässt Dich weitestgehend in Ruhe.
Natürlich gibt es da immer noch die hartnäckigen Ausnahmen und Familienangehörigen, aber die Last auf Deinen Schultern ist schon merklich weniger geworden. Du hast plötzlich Zeit Dir nach Feierabend mal ein Bier zu gönnen, Dich Deinem Hobby zu widmen, einfach mal nichts zu tun, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Jetzt solltest Du Dir darüber bewusst werden wie sich Deine Situation verändert hat. Ist es jetzt erträglicher als vorher? Dann mache in diesem Maße weiter, aber stoße niemanden vor den Kopf.
Sind es immer noch zu viel Verpflichtungen, die Dich erdrücken? Dann sage noch öfter NEIN.
Fehlt Dir der Druck und der Trubel? Dann sage einfach wieder öfter JA und lass über Dich verfügen.
Kaputt machen kannst Du Dir nix. Dir stehen alle Wege offen. Sogar der Weg ins Ausland, wenn Du es denn vorziehst lieber in der Fremde ein neues Leben mit neuen Verpflichtungen und Problemen, dafür aber unbekannten Personen und Faktoren aufzubauen.
Beachte aber stets, dass Du Deine Mitmenschen nicht vor den Kopf stößt. Lügen und fadenscheinige Ausreden können das Verhältnis dauerhaft stören. Ein "Nein, keine Lust" reicht völlig aus. Steh dazu, mach es Dir zu eigen, bleibe dabei, füge nichts hinzu und lasse nichts weg. Egal wie lang der Vortrag auch sein mag, der darauf folgt, halt die Klappe, hör ihn Dir an und sage danach "Nein, keine Lust". Selbst Bezeugungen wie: "Tut mir ja leid, aber ich habe keine Lust" sind schon zu viel, denn dass es Dir leid tut stimmt erstens nicht und zweitens wird man Dir daraus ein solch schlechtes Gewissen drehen, dass Du dann doch wieder nachgeben musst und Dich nachher NOCH schlechter fühlst.
Sollte jemand aus Deinem Verhalten dauerhafte Konsequenzen ziehen wollen - nach dem Motto: "Also wenn Du mir jetzt nicht hilfst, dann werde ich in Zukunft ... [unglaublich fiese Drohungen]", dann nimm es zur Kenntnis und gehe bloß nicht darauf ein. Ein schlichtes: "OK", oder "Angekommen!", reicht völlig aus.
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